Ein Amoklauf und seine Folgen

Öhöm, in den letzten Tagen liest und hört man ja nur noch davon und irgendwie hat jeder ne Meinung dazu und muss sie mitteilen – weswegen ich mich dazu genötigt fühle, auch mal ein paar Gedanken dazu in Stein zu meißeln. Ja, es geht natürlich um den Amoklauf in Winnenden.

Zunächst einmal: Ich bin wirklich schockiert darüber, mir lief’s beim Anblick der Bilder auch eiskalt den Rücken runter und ich empfinde Mitleid für die, die getötet wurden. In vielerlei Hinsicht zeigt dieses Ereignis vom letzten Mittwoch doch, wie schlecht wir Menschen, wir alle, doch sind.

Das fängt an bei dem Täter, der sich dazu entschlossen haben muss, Menschen töten zu wollen. Warum möchte jemand Unschuldige, Unbekannte töten? Zeigt das nicht, welche Abgründe in den Köpfen mancher Menschen klaffen? Hatte er keine Freunde, wurde er gemobbt oder ausgegrenzt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, denn ich habe seit Mittwochabend nix mehr von dem Thema mitbekommen. Das klingt jetzt garantiert herzlos, aber werden die Toten wieder lebendig, wenn ich und all die anderen Unwissenden brav ihre Bild-Zeitung kaufen, um unbedingt alle noch so kleinen und zum Teil unwahren Details zum Täter und der Tat zu erfahren? Hier mal ein Screenshot, den ich gestern von der Startseite von Bild.de gemacht habe:

bildstrikesback

„So überlebte ich schwer verletzt die Amok-Hölle“,“Der Ablauf [des Amoklaufes] als Flashgrafik“, „Diese Leben hat er ausgelöscht“, „Bild-Reporterin: So erlebte ich die Trauerfeier“. Typisch Bild, typisch Sensationssucht. Solche Ereignisse offenbaren also auch die Schändlichkeit der Medien (und das nicht zum ersten Mal), die einfach alles ausschlachten und überall ihre Nasen reinstecken wollen. Und die Leser und Zuschauer manipulieren, ihnen eine Meinung aufzwingen.
Ich hab da immer so ein merkwürdiges Bild vor Augen, wenn ich an diese Verlogenheit der Medien denke: Vor ein paar Jahren saß ich mit einem älteren Mann im Wartezimmer, der die Bild-Zeitung las – und das mit einer lachhaft ernsten Mine und einer Bedachtheit beim Umblättern der Seiten, dass ich fast laut losgelacht hätte. Diesen Mann und seinen Gesichtsausdruck hab ich vor Augen, wenn ich an die Lügen der ganzen Klatschmagazine denke – seltsam, oder? Es sind diese einfachen Leute, für die so viel „Rechercheaufwand“ betrieben wird; jene, die alles glauben, was auf Papier gedruckt steht; jene, die dann mit ihrem Halbwissen aus der Zeitung prahlen. Es gibt beinahe nichts, was mich mehr aufregt – vor allem, weil ich selbst Leser der Bild in der Familie habe… Ich hasse dieses verdammte Blatt einfach.

Und ich warte ja bereits darauf, dass wieder die wohlbekannten „Killerspiele“ ihren Kopf hinhalten müssen. Das ist zwar mehr als egoistisch, angesichts einer solchen Tat zuerst an sich und sein Hobby zu denken – aber es war bei mir so. Am Mittwoch habe ich in einem Artikel gelesen, dass der Junge kein Interesse am Internet, an Computern im Allgemeinen hatte. Weiß nicht, inwiefern diese Feststellung nach den neusten Erkenntnissen noch zutrifft. Aber sie wird eh unter den Tisch gekehrt. Von den Medien. Den elenden. In Kürze geht sie wieder los, die Diskussion um die Gewaltspiele, in denen man meuchelt und foltert. Was ist wohl die nächste Stufe nach den Giganto-USK-Siegeln? Gar kein Cover mehr, nur eine neutrale Verpackung mit dem Titel des Spiels in ner unauffälligen Schriftart? Oder gleich ein Verbot aller Spiele? Das Deutschland der Zukunft – garantiert videospielefrei?! Fragen über Fragen.
Der Bursche hat Tischtennis gespielt. Würde man mit der Logik mancher Politiker oder „Forscher“ vorgehen, käme man ohne Zweifel zu dem Schluss, dass Tischtennisspielen zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft führt oder zumindest dazu beiträgt.

Dabei dürfte wohl klar sein, dass es das soziale Umfeld ist, dass einen Menschen zu einer solchen Tat treibt. Ein Ausgeglichener kann Ego-Shooter spielen, bis ihm die Finger bluten – er würde nicht plötzlich anfangen, Amok zu laufen. Und auch Unausgeglichene werden wohl kaum zur echten Waffe greifen, sondern ihre Aggression am virtuellen Gegenüber auslassen um dann mit klarem Kopf den PC/die Konsole auszuschalten. Wenn jemand ein „Killerspiel“ spielt und sich damit für einen echten Mord schult, hat er doch wohl eindeutig schon ein seelisches Problem. Und woraus resultiert dieses Problem? Eben: Das herauszufinden sollte Aufgabe der „Experten“ sein. Den Baum nicht versuchen an den Zweigen zu entwurzeln. Das ist zumindest meine Ansicht.

So. Eigentlich wollte ich bei weitem nicht so viel dazu schreiben. Und ich hab das Gefühl, dass mir noch irgendwas auf der Zunge liegt. Schlimm so was…

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Edit (14.3.):

Argh, ich krieg das Kotzen:

Nach Erkenntnissen der Polizei hatte Tim K. die psychiatrische Behandlung einer depressiven Störung vorzeitig abgebrochen. Seine Freizeit verbrachte der 17-Jährige mit Killerspielen und Horrofilmen.

Quelle

Da wird nichts erläutert, nichts hinterfragt – einfach nur die These aufgestellt, dass er „Killerspiele“ spielte und Horrorfilme schaute. Und das Schlimmste: Der Absatz ist so geschrieben, als wäre seine Form der Freizeitgestaltung eine Folge der depressiven Störung!

Im Rückschlussverfahren bedeutet das, dass ich auch depressive Störungen haben müsste. Oh Mann…

5 Responses to “Ein Amoklauf und seine Folgen”


  1. 1 [Sephix] 14. März 2009 um 11:26

    Und ich warte ja bereits darauf, dass wieder die wohlbekannten “Killerspiele” ihren Kopf hinhalten müssen.

    Das ist ja schon kurze Zeit später passiert. Alles nur ein Vorwand, um die unwissende Masse ruhig zu stellen, ihnen einen Sündenbock zu geben, dem man die Schuld geben kann.

    Interessant bei deinem Screenshot finde ich die Formulierung „Bild.de zeigt den Blog-Eintrag“.
    1. Ist das Ding ein völliger Fake.
    2. ist das Teil aus einem Imageboard (krautchan), was in keinster Weise eine Ähnlichkeit mit einem Blog hat.
    3. ist die Bild sowieso völlig behindert.

    Ist aber auch erstaunlich, dass die Presse immer wieder Angehörige, direkt Betroffene und Freunde des Täters und der Opfer „interviewen“ muss. Die wühlen damit doch nur alles wieder unnötig auf.

  2. 2 Flughirnchen 15. März 2009 um 22:56

    Oh, danke für den Link. Kam ja tatsächlich recht fix, der erste Aufschrei.

    „Heute verlangte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann von der CSU in einem Radio-Interview ein Verbot.“
    Argh, immer diese bayerischen Politiker… Ich verlange ein Verbot von bayerischen Politikern.

    Ja, das mit der „Ermittlungspanne“ hab ich auch mitbekommen. Schon doof, wenn man der schönen Welt des Internets so blind vertraut, vor allem wenn man Ermittler in einer solchen Geschichte ist… *roll eyes*

    @Presse spricht mit Zeugen
    Ich vermute doch mal, dass die Interviewten ne ordentliche Summe kriegen, dafür, dass sie sich erinnern… *double roll eyes*

  3. 3 Gintoki 15. März 2009 um 23:28

    Ich stimme dir zu, du hast die Sache ganz richtig analysiert, schöner Artikel.

    Tja, wir bekommen mal wieder die Feigheit von Politik und Medien aufgezeigt, die wahren Hintergründe aufzuzeigen. Die „Killderspiele“ sollen natürlich als Deckmantel herhalten und über das Kollektivversagen der gesamten Gesellschaft hinwegtäuschen.

    Schon schlimm, wie Medien wie Bild so einen Schwachsinn verzapfen und das dann auch noch stolz und glorifizierend präsentieren. Aber ist sie ganz (sinn)bild(lich), nämlich verlogen und ignorant.

    Wenn du Lust hast, kannst du dir auch noch meinen Artikel durchlesen, aber zugegeben ist der keine leichte Kost.

  4. 4 Bloggender Zombie 16. März 2009 um 22:09

    Sehr gute Analyse; ich werde mich – als passionierter Killerspieler – an dieser Stelle auch nicht weiter zu dem Thema auslassen, sonst würde es in einen epischen Aufsatz ausarten – ich kenne mich… insofern füge ich an dieser Stelle nur noch eine kleine, aber feine Anmerkung zum Thema hinzu, die man sich mal auf der Zunge zergehen lassen muß:

    Gestern war folgende Schlagzeile im RTL-Videotext zu lesen:
    „Motiv des Amokläufers geklärt! Er spielte Killerspiele!“

    Das nenne ich messerscharfen Journalismus, präzise auf den Punkt gebracht. Motiv geklärt, Fall gelöst.

  5. 5 Flughirnchen 16. März 2009 um 22:57

    „Gestern war folgende Schlagzeile im RTL-Videotext zu lesen:
    “Motiv des Amokläufers geklärt! Er spielte Killerspiele!”

    Das nenne ich messerscharfen Journalismus, präzise auf den Punkt gebracht. Motiv geklärt, Fall gelöst.“

    Jawoll, das bringt in der Tat all die Diskussionen, die so zur Zeit durch die Bloglandschaft geistern, auf den traurigen Punkt… Aber im Teletext ist ja bekanntlich der Platz knapp, da kann man schon mal auf solche großartigen Hau-drauf-Thesen zurückgreifen…. *öhöm*


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