Ein chinesischer Dante

Da ich ja immer sehr darauf bedacht bin, Spiele möglichst nicht zum Vollpreis und ohne hässliches USK-Logo zu erwerben, hatte ich mir das heiß ersehnte Dante’s Inferno bei einem britischen eBay-Händler geordert – und bekam überraschenderweise eine englisch-chinesische NTSC-Fassung des Spiels zugesandt. Da hatte der Halunke doch tatsächlich ins Kleingedruckte gequetscht, dass es sich bei den angebotenen Spielen auch um China-Importe handeln kann. Glücklicherweise läuft das Spiel trotzdem auf meiner PAL-360, ist komplett in Englisch und hat statt eines riesigen USK- ein kleines, glitzerndes EA-Logo auf der Vorderseite. Nächstes Mal wird der Beschreibungstext des Angebots aber genauer gelesen, das könnt ihr wissen!

Ach, und ich hab das Spiel jetzt durch.

Die große Frage ist nun: Wurden meine hohen Erwartungen in den Titel bestätigt? Darauf ein klares Jein. Dante’s Inferno ist ein zweischneidiges Schwert: Spieldesign und -atmosphäre sind wie erhofft umwerfend und mit sehr viel Liebe und Mühe gestaltet. Abwechslungsreiche (aber leider ziemlich starre) Umgebungen, ekelhafte Höllenkreaturen, kreative Möglichkeiten des Tötens – alles dabei. Das ist wirklich auch die größte Stärke des Titels, denn das Gameplay ist unsäglich altmodisch und abgeguckt.

Zugegeben: Ich habe mich nie sonderlich für die God of War-Reihe interessiert und demzufolge auch nie einen Teil gespielt. Wenn ich mir aber in diversen Gameplay-Videos ansehe, wie Kratos sich bewegt, wie er kämpft und Quick Time Events absolviert, dann frage ich mich doch, ob er und Dante nicht auf irgendeine verwirrende Art und Weise miteinander verwandt sind. Es heißt zwar immer, dass gut kopiert besser als schlecht selbstgemacht ist – DI macht aber so rein gar nichts neu. Da haben wir eine nicht justierbare Kamera, die manche Sprungpassagen zur Glückssache werden lässt; teilweise vollkommen unnötige Quick Time Events (sogar zum Aufladen der Energie- und Mana-Anzeige muss der B-Knopp vergewaltigt werden), und eben eine stupide Hack and Slay-Spielmechanik, die dank netter Kombo-Möglichkeiten zwar oft Laune macht, aber eben absolut nichts Neues ist. Die Möglichkeit, mithilfe aufgesammelter Seelen in einem Fähigkeiten-Baum neue Moves für Sense und Kreuz freizuschalten, gefällt mir wiederum ganz gut und erinnert an das Waffen-Level-Up-System in Visceral Games‘ letztem Projekt Dead Space.

Ka-Me-Ha-Me-Haaa!

Apropos Dead Space: Beide Games laufen mit der Godfather-Engine – dumm nur, dass Isaac Clarkes Weltraum-Trip selbst anderthalb Jahre nach Release wesentlich besser aussieht als Dantes Höllen-Odyssee mit ihren matschigen Texturen, kantigen Objekten und unausgereiften In-Game-Charaktermodellen. Der Trost: Die spärlich gesäten CGI-Sequenzen machen einen ziemlich guten Eindruck und die Story ist nett erzählt (wenn auch nur eine erwachsene Version des unkaputtbaren Super Mario-Plots). Außerdem ist mir der grimmige Dante irgendwie sympathisch – sympathischer zumindest als Kratos.

Eine weitere negative Kleinigkeit: Selbst auf mittlerer Schwierigkeitsstufe frustet das Spiel an manchen Stellen ohne Ende, was einerseits an der etwas trägen Ausführung des Block-Kommandos liegt, andererseits an vielen, ziemlich hartnäckigen Monsterchen. Teilweise hat nicht viel gefehlt und der Controller wäre im hohen Bogen an der Wand gelandet – so fuchsig hat mich das gemacht. Ein positiver Aspekt zum Schluss: Der Sound ist ganz gut; als Spieler wird man permanent mit qualvollen Schreien und düsteren Musikstücken beschallt, was unter anderem die Atmosphäre so gelungen macht.

Dantes Vergangenheit wird in nett gemachten Zeichentrick-Sequenzen erzählt.

Jetzt habe ich so viel rumgemeckert über Dante’s Inferno – dennoch habe ich den Kauf nicht bereut. Das Spiel macht durchaus Spaß und sein Umfang geht in Ordnung (ich saß knapp neun Stunden an der Hauptstory), allerdings ist es vollkommen innovationsarm und manchmal ein wenig zu bedacht auf seinen Mature Content, beispielsweise wenn es um entblößte Brüste und möglichst ekelhaftes Gegnerdesign geht. Die Verkaufszahlen sind bis jetzt nicht soo dolle, dennoch würde ich mir Dante’s Purgatory (also einen zweiten Teil, der ja angesichts des offenen Endes und der Gestaltung der literarischen Inspiration durchaus im Rahmen des Vernünftigen liegt) wünschen, in dem die Entwickler gerne auch in Sachen Gameplay ein bisschen kreativer sein können.

Jetzt mögen sie sich aber bitte erstmal auf Dead Space 2 konzentrieren!

(Bilderquelle: ign.com)

8 Responses to “Ein chinesischer Dante”


  1. 1 Dos Corazones 12. März 2010 um 22:57

    Ich kämpfe mich derzeit durch das erste God of War auf meiner altgedienten PS 2, wenn Hack&Slay dann greife ich wohl eher zu dessen dritten Teil oder einem Devil May Cry.

  2. 3 spanksen 13. März 2010 um 10:43

    Hack@Slay war nie so meine Welt , auch wenn die Demo sehr imposant aussah. Aber Dead Space 2 wird hoffentlich ein Kracher😉

    • 4 Christian 13. März 2010 um 11:36

      Bin eigentlich auch kein wirklicher Freund des Genres, hier hat mich ehrlich gesagt mehr die Thematik gereizt. Bei Dead Space 2 bin ich mir übrigens ganz sicher!😉

  3. 5 dereinzigwahrehuffel 13. März 2010 um 18:45

    Und?ist das Spiel sehr zu empfehlen? Hab nur die Demo anzocken können und nach Devil May Cry 4 brauche ich mal wieder ein schönes Hack’n‘ Slay für meine PS3

    • 6 Christian 13. März 2010 um 18:52

      Also, wie ich ja geschrieben habe, ist das Game ziemlich durchwachsen. Als PS3-Besitzer solltest du lieber auf God of War 3 warten, das ist die bessere Alternative😉

  4. 7 Laosüü 14. März 2010 um 11:00

    Gute Empfehlung aber eine Frage: wie will man das Hack-&-slay-Genre neu erfinden?^^
    Das für dich tolle Level-up-Systemm ist nämlich obligatorisch für jedes Spiel dieser Art. Also was denn nu? :p
    Dass du für Dante mehr Sympathien hegst als für Kratos sei dir verziehen, da du ja keinen Teil gespielt hast.😉

    Ansonsten stimme ich mit dir in den meisten Kritikpunkten überein, denn die Kamera schickte einem im Vergleich zu GoW viel zu selten auf epochale Kamerafahrten, aber warum findest du plötzlich die Comicsequenzen „nett gemacht“? oO

    • 8 Christian 14. März 2010 um 11:29

      Dante’s Inferno sollte das Genre auch nicht neu erfinden, aber es hätte zumindest eigene Impulse einbringen können, um nicht gänzlich wie ein GOW-Plagiat zu wirken – was es ja nun einmal tut.

      Die Comic-Sequenzen sind nett gemacht, aber passen stilistisch überhaupt nicht ins Spiel, besser? Was anderes habe ich auch nie behauptet😛


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