Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Zugegeben: Der Hype um dieses Buch ist mittlerweile wieder etwas abgeflaut. Ich stand auch schon etliche Male in der Buchhandlung davor und habe mit dem Gedanken gerungen, es zu kaufen. Glücklicherweise war ich vernünftig genug, es nicht zu tun, und habe es mir stattdessen nun von einem Freund ausgeliehen.

Das Buch ist ein einziger innerer Monolog, unterbrochen nur von einigen kürzeren Dialogszenen. Der Leser befindet sich im Kopf der 18-jährigen Helen, die sich beim Rasieren des Hinterteils eine Analfissur zugezogen hat und nun im Krankenhaus liegt. Dort sieht sie nun die Chance, ihre geschiedenen Eltern wieder zu verkuppeln. Und das wars, das ist der gesamte Plot. Auf den verbleibenden 200 Seiten hat Helen permanent Langeweile und denkt über sich, ihre seltsamen Hygienevorstellungen und ihre Verflossenen nach. Aber diese Passagen sind ja auch der Grund, warum das Buch so erfolgreich ist. Anfangs lässt man sich auch noch mit Begeisterung darauf ein, ungefähr ab der Mitte des Buches möchte man aber eigentlich nur noch schnell das Ende erreichen. Es vergeht quasi kein Absatz, in dem Helen nicht irgendeine Körperausscheidung isst oder sie irgendwo verteilt. Das geht teilweise wirklich ins Widerwärtige, meistens ist es aber einfach nur anstrengend und nervig.

Klar, das Buch will polarisieren und ich möchte der Frau Roche auch keinen Vorwurf machen, dass sie offensichtlich ihre Fantasien niedergeschrieben hat. Aber sie wirken auf mich eher wie eine Zusammenstellung von Kolumnen o.ä., denn wie ein literarisches Werk. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich so selten neuere Bücher lese, aber dieser eintönige, parataktische Schreibstil in Verbindung mit etwas, das ich am ehesten als Baby-Sprache bezeichnen will, begeistert mich nicht gerade. Einziger Vorteil: Das Ganze liest sich wirklich wie ein überlanger Zeitungsartikel; ich hatte das Buch an einem Wochenende durch, was für mich Langsamleser äußerst ungewöhnlich ist.

Wenn man ganz genau hinsieht, kann man auch noch einige positive Aspekte herauspicken, wie die Kritik am Hygiene- und Schönheitswahn oder der Unpersönlichkeit in modernen Krankenhäusern, aber das sind meines Erachtens nur unfreiwillige Nebenprodukte, die bei der speziellen Thematik anfallen. In ganz wenigen Momenten gelingt es Roche zudem, ihrer Protagonistin so etwas wie Persönlichkeit zu geben, besonders auf den letzten paar Seiten musste ich meine Meinung zum Buch nochmal leicht korrigieren, weil Helen hier mal etwas anderes macht, als sich nur zu langweilen. Ein etwas komplexerer Plot hätte dem Werk also wirklich gut getan, auch wenn das sicherlich keinen Einfluss auf die Verkaufszahlen gehabt hätte. Interessanterweise wäre so ein Buch vor einigen Jahren noch schamhaft gekauft, gelesen und anschließend in der Sockenschublade versteckt worden (oder sogar auf dem Index gelandet), heute wird aber offen darüber diskutiert und alle finden es toll. Das ist natürlich alles andere als schlimm, aber dass gerade dieses Buch den Ausbruch aus der Prüderie symbolisiert, finde ich bedenklich – in Bezug auf einige beim besten Willen und in keiner Hinsicht schöne Schilderungen darin. (Das mit dem Ausbruch ist natürlich etwas übertrieben, das Buch setzt diesem Prozess der gegenläufigen Tabuisierung vielmehr die bisherige Krone auf.)

Man merkt, ich bin nicht sonderlich begeistert von den Feuchtgebieten. Das Buch will den Schein erwecken, eine Geschichte zu erzählen – ist aber letztlich nicht mehr als eine Ansammlung provokanter Textpassagen. Und wenn ich eines nicht leiden kann, dann ist es eine solche Scheinheiligkeit. Bin froh, dass ich es mir nicht gekauft habe.

15 Responses to “Charlotte Roche: Feuchtgebiete”


  1. 1 Dos Corazones 28. März 2010 um 21:21

    Ich habe den Hype damals schon erfolgreich umgehen können und mittlerweile reizt mich das Buch auch noch nicht. Immerhin hast du ja kein Geld bezahlen müssen…

  2. 2 spanksen 29. März 2010 um 10:46

    Ich hab mir mal das Hörbuch ausgeliehen, aber nach gut 15 Minuten waren bei mir die ersten Brechreizerscheinungen festzustellen. Und aus purer Angst eine Vagina Allergie wie Patterson zu bekommen hab ich dann nicht mehr weiter gehört😉

  3. 3 Christian 29. März 2010 um 12:29

    @DC
    Du hast wirklich nichts verpasst, kannst dem Hype beruhigt weiterhin widerstehen😉

    @Spank
    Meinst du, er hat seine Allergie auch durch dieses Buch bekommen?:mrgreen:

  4. 4 spanksen 29. März 2010 um 12:49

    Wer weiß,wer weiß…😉

  5. 5 Laosüü 29. März 2010 um 17:42

    Deckt sich exakt mit meiner Meinung zu dem Buch. ^^

    Ach ja: diese Allergie hatte der Patterson bestimmt schon lange vorher.:mrgreen:

  6. 10 Hannibla Lektor 30. März 2010 um 12:59

    Das Buch ist einfach nur Müll… schlecht geschriebene Aneinanderreihung von Ekligkeiten, provozieren auf Teufel komm raus. Ich habe es mir komplett als Hörbuch angetan und bähbähbäh. Kapiere den Hype beim besten Willen nicht. Bäh. Bäh!!!

  7. 12 Dr. Borstel 3. April 2010 um 13:57

    Gut, dass mich solche Hypes meistens grundsätzlich kalt lassen.😉

  8. 14 Julian 8. April 2010 um 19:40

    Wir haben im Pornographieseminar (Germanistik) lange über das Buch diskutiert und sind zu folgenden Schlüssen gekommen: Schlecht geklaut von Elfriede Jelineks „Lust“, CR hat eine kindliche Sexualität und ist wenig emanzipiert, das Buch würde auf dem Index landen, wäre CR ein Mann. Ganz ganz mieser Stoff, unterste Schublade und nichtmal pornographisch.

    Warum funktioniert das Buch? Wir leben in einer Gesellschaft mit übertriebener Hygiene. Der Bruch damit ist für viele ein nicht zu realisierender Wunsch. Ganz mies ist natürlich Roches Rechtfertigung des „Romans“: Sie hätte ihre Familie bei einem Autounfall verloren und könnte jetzt nicht mehr netten Kram schreiben. Na dann…

    • 15 Christian 8. April 2010 um 22:26

      So was Lächerliches hab ich ja auch schon lange nicht mehr gehört. Warum schreibt sie dann nicht einfach gar nichts, wenn sie nichts Gutes mehr schreiben kann?! Hoffen wir nur, dass sie nicht auf die Idee für eine Fortsetzung kommt…


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Archive

Hier bloggt:


%d Bloggern gefällt das: