Leb wohl, Lost

Ich habe heute einen guten Freund verloren. Sein Name ist Lost und er hat mich fast ein Drittel meines Lebens begleitet. Meine Gedanken zum Finale der womöglich besten Serie, die es jemals gab. Garantiert nicht spoilerfrei.

Ich kann die Enttäuschung vieler Fans ob der letzten Staffel und im Speziellen der „Auflösung“ absolut nicht teilen. Sicher war der letzte Ausflug zur Insel mitunter etwas ungeschickt umgesetzt und ließ ein wenig die erzählerische Raffinesse der vorigen Staffeln vermissen. Es wirkte manchmal, als wollten die Macher gar nicht auflösen und würden das wirklich Relevante – das, nach dem die Fans all die Jahre verlangten – so weit nach hinten verschieben, dass es unmöglich in eine spielfilmlange finale Episode passen könnte. Und das tat es ja gewissermaßen auch nicht; allzu viele Geheimnisse blieben ungelüftet (was allerdings auch gut so ist, die Episode um Jacobs und Smokeys Vergangenheit beispielsweise war der Mythologie der Serie nicht gerade dienlich).

In meinen Augen war Staffel sechs vor allem eines: ein einziger, wunderschöner Fan-Service. Die unzähligen Verweise auf die Vergangenheit der Serie, das Aufgreifen bekannter Motive und die Begegnungen der Losties in der „Realität“ haben mich oft zum Grinsen gebracht und mir dann wieder eine waschechte Gänsehaut beschert. Beim Finale standen mir sogar tatsächlich mehrfach die Tränen in den Augen – Zeichen dafür, wie wichtig mir Lost über die Jahre geworden ist, zumal es bisher kein Stück Fiktion geschafft hat, meine Tränendrüsen in Gang zu bringen.

Warum sollte man also enttäuscht sein beim Betrachten der letzten Szenen? Die Serie ist sich treu geblieben, hat einen letzten großen Twist gemacht und die schönste Schlusseinstellung präsentiert, die man sich wünschen kann. Sie hat nicht eine ultimative Lösung für all die während der letzten sechs Jahre angesammelten Fragen gegeben, sondern einen Kompromiss zwischen unglaubwürdiger Pointe und stillschweigendem Ruhenlassen gefunden. Und damit bin ich absolut zufrieden.

Trotzdem werde ich jeden einzelnen Charakter aus dieser Serie vermissen, sogar die, die ich eigentlich nie so wirklich mochte. Und ich werde es aufgeben, nach einer Lehre oder Moral zu suchen, die Lost zurückgelassen haben könnte. Sind wir nun Schöpfer unseres eigenen Schicksals? Ist alles vorherbestimmt? Oder ist das alles vollkommen egal? Für einen Außenstehenden müssen diese Fragen furchtbar hochtrabend klingen, aber jeder, der in Lost seine zweite Heimat gefunden hat, wird sich wohl mehr als einmal mit ihnen beschäftigt haben. Ich bin nicht wirklich schlauer geworden, aber eigentlich reicht es mir auch das zu glauben, was Lost uns am Ende doch noch mit auf den Weg gibt: Niemand stirbt allein, selbst wenn dein Begleiter nur ein Labrador ist. Vielleicht erwartet uns danach ja wirklich das Leben, das wir immer führen wollten und vielleicht begegnen wir ja tatsächlich denen wieder, die wir im Leben kannten. Aber ich sehe euch schon lächeln über jemanden, den eine Fernsehserie zu solchen Gedanken treibt. Falls ihr sie nicht auch hattet.

In diesem Sinne ziehe ich hiermit einen Schlussstrich unter sechs Jahre Lost und hoffe, dass wir uns im nächsten Leben wiedersehen, Bruder.

Bildquelle (© Buena Vista Television)

9 Responses to “Leb wohl, Lost”


  1. 1 zoellner 9. Juli 2010 um 11:02

    Nie geschaut, wollte 3x in der mitte einsteigen und hab nicht geschafft. Nicht gepeilt um was es da geht. Hätte man von anfang an schauen sollen. Vermutlich!

    • 2 christian 9. Juli 2010 um 12:30

      Ja, die Story ist dermaßen komplex, dass ein Einsteigen in der Mitte unmöglich ist, ja sogar das Verpassen einer einzigen Folge fatal sein kann. Aber es ist nie zu spät, Lost nachzuholen. Es lohnt sich😉

  2. 3 bullion 9. Juli 2010 um 17:34

    Hmm, ich war ja auch enttäuscht vom Finale. So wunderbar emotional es auch inszeniert war, so täuscht dies jedoch nicht über die unzähligen losen Enden hinweg. Auch wenn die Macher nun sagen „Lost“ wäre schon immer in erster Linie eine Dramaserie gewesen, so ist das nur eine Ausflucht. Ohne die Mysteryaspekte hätte „Lost“ nie diesen Erfolg gehabt. Insgesamt natürlich dennoch eine tolle Serie!

    • 4 christian 10. Juli 2010 um 11:17

      Die Mysteryaspekte sind doch auch in der letzten Staffel noch mal zum Tragen gekommen, wenn sich das Geheimnis der Insel auch nur als güldenes Leuchten entpuppt hat. Nein, ich geb dir recht, manche Aspekte hätten durchaus eine Klärung verdient. Beispielsweise frag ich mich bis heute, warum Charlotte in der tunesischen Wüste ein Skelett mit Dharma-Halsband ausgebuddelt und dabei wissend geguckt hat, oder warum die Statue nur vier Zehen hatte…😉

  3. 5 Dr. Borstel 10. Juli 2010 um 17:24

    Die sechste Staffel in einem Satz: Die Inselhandlung war bis auf FLocke mehr oder weniger doof, die FlashSideways, gerade mit Desmond, dafür total großartig und das Ende einfach nur schön, ruhig, besinnlich, wie es sein muss.

    Bin total zufrieden. Dass die sechste Staffel etwas schwächer war als die alten, hat dafür gesorgt, dass ich die Serie nicht ganz so arg vermisse, wie ich befürchtet habe. Alles in allem: Es war eine schöne Zeit.

  4. 6 Laosüü 11. Juli 2010 um 10:42

    Irgenjemand eine Ahnung, wann LOST mal von Anfang an wiederholt wird? Lohnen würde es sich für den Sender sicher und ich würde der Serie dann wohl doch nochmal eine Chance geben.😀

  5. 7 Hannibla Lektor 12. Juli 2010 um 22:18

    Ich gehöre ja auch zu den wenigen (?), die nie auch nur eine Folge gesehen haben… das kollektive Betrauern des Finales macht aber tatsächlich neugierig, sich das mal in einer ruhigeren Phase anzusehen. Kann aber trotzdem gut mitfühlen, ist schon irgendwie doof, wenn’s zu Ende geht… Kopf hoch und mooooment… solltest Du nicht eh lernen?😉

  6. 8 christian 13. Juli 2010 um 11:23

    @Dr. Borstel
    Gerade Flocke hat mich irgendwann ein wenig genervt, mag aber auch damit zusammenhängen, dass ich den echten Locke viel lieber mochte… Besonders cool fand ich auch die Geschichte von Richard alias Ricardo, meiner Meinung nach eine der eher zu unrecht im Laufe der Serie vernachlässigten Figuren.

    @Laosüü
    Ich glaube nicht, dass sich da die nächsten zehn Jahre nochmal ein Sender ranwagt, die Quoten wurden ja sowohl bei Pro7 als auch bei K1 konstant schlechter, was vor allem daran liegt, dass Lost keine abgeschlossenen Episodenhandlungen bietet.

    @Hannibla
    Argh, man wird sich doch wohl mal eine Auszeit gönnen dürfen?!😀

  7. 9 spanksen 29. Juli 2010 um 16:30

    Einen Schlussstrich unter Lost? Hey, bei mir gehts doch mit der siebten Staffel erst richtig los😉


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