Scott Pilgrim: Rück- und Ausblick

Die Scott Pilgrim-Manie verbreitet sich zur Zeit wie ein Lauffeuer, Schuld daran ist vor allem Edgar Wrights Verfilmung des Stoffes, die hierzulande dummerweise erst zu Beginn des nächsten Jahres in die Kinos kommt.

Ich gebe zu: Erst durch den Film bin ich auf die Reihe aufmerksam und in der Folge Fan von ihr geworden. So was hat immer etwas von in-letzter-Minute-auf-den-schon-rollenden-Zug-aufspringen, aber das ist mir relativ egal. Zumal der Zug im deutschsprachigen Raum noch nicht mal zusammengeschraubt wurde, bei gerade einmal zwei übersetzten Bänden. Ob Scott auf Deutsch auch nur ansatzweise denselben Charm verbreitet wie im Original (die Serie lebt auch von ihren Wortspielen), bezweifle ich dennoch. Hardcover hin oder her.

Aber genug der Vorurteile und Voreingenommenheit. Viel wichtiger ist meine Meinung und die ist zu etwa 95 Prozent positiv. Denn bei all dem genialen Humor, den sympathischen Charakteren und der verrückten Story: Gegen Ende wird mir alles ein bisschen zu wirr und hektisch; Gags wiederholen sich; Auflösungen entpuppen sich als verwirrender als das Rätsel. Das sind allerdings nur kleine Makel, insgesamt bin ich doch so verliebt wie eh und je in Bryan Lee O’Malleys Epos. Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, wie sehr sich sein Zeichenstil in nur sechs Bänden verändert hat? Anfangs wirkten die Figuren noch weniger comicartig, später dann oft extrem über-, aber auch aufwendiger gezeichnet. Vor allem was Frisuren und Kleidung angeht.

Leicht veränderter Stil: Band 1 (links) und 6

Ihren Höhepunkt hat die Reihe meiner Meinung nach mit dem vierten Band erreicht. Irgendwie hatte ich nämlich immer das Gefühl, die Haupthandlung um die seven evil exes wäre nur ein dünner roter Faden, der ab und zu Scotts normales Leben streift. In Band vier war das zum letzten Mal so, danach wurde alles viel dramatischer, konzentrierter. Das passt nicht so recht zur Serie, die immer davon lebte, dass sie die ganze Sache mit Ramonas exes irgendwie ironisch nahm und ansonsten einfach ein Blick in Scotts Precious Little Life war. Das kann ich mir aber auch nur einbilden.

Was den Film angeht: Ich habe die sehr starke Befürchtung, er wird sich besonders auf die in den Büchern nur nebensächlichen Kämpfe konzentrieren. Zumindest erweckten bisher alle Trailer diesen Eindruck. Dafür bin ich auf sein Ende gespannt, das ja von dem der Vorlage abweicht. Wahrscheinlich ist alle Skepsis aber einfach nur unbegründet, schließlich hat Edgar Wright seine Finger im Spiel und wenn jemand Ahnung vom Inszenieren kultiger Filme hat, dann er. Und die paar Meinungen, die ich bisher vor allem in YouTube-Kommentaren aufgeschnappt habe, sind doch eher positiv.

Übrigens hoffe ich, dass O’Malley so schlau ist, die Serie nicht weiterzuverfolgen. Das würde ihr garantiert schaden, wohingegen ein neues Projekt ähnlichen Erfolg haben könnte – bei der Aufmerksamkeit, die dem Autor zurzeit zuteil wird. Dass die sechs Pilgrim-Bände mit einem Film abgearbeitet wurden, ist damit ein relativ gutes Zeichen. Wobei mir sechs (kürzere) Filme auch ganz lieb gewesen wären…

16 Responses to “Scott Pilgrim: Rück- und Ausblick”


  1. 1 Dos Corazones 31. August 2010 um 15:48

    Mir gefällt an den Trailern der Comic-Videospiel-Stil, durch den ich aufmerksam wurde. Ich als alter Heuchler kenne die Comics gar nicht (bin nicht so der Fan von bebilderten Geschichten), freue mich aber trotzdem auf den Film.

  2. 2 Dr. Borstel 31. August 2010 um 16:46

    Der Film, denke ich, kann sich ruhig mehr auf die Kämpfe konzentrieren. Er muss nicht die Geschichte des Comics eins zu eins nacherzählen; das würde gar nicht funktionieren, nicht in nur einem Film. Wright darf ruhig was ganz Eigenes schaffen, von mir aus auch mit mehr Action, Hauptsache abgedreht. Das läuft schon.

    Mir hat der Umschwung hin zur Konzentration auf die Evil Exes übrigens gar nicht so schlecht gefallen, vor allem weil ich den Kontrast zu den früheren Bänden mochte. In der ersten Hälfte erreicht Band 6 so eine herrlich melancholische Schwere, die eine ganz neue Seite des Comics anschlägt, ihn vielschichtiger macht. Nachdenklicher. Und vor allem passt es so gut, wenn man die Evil Exes für Scott als Metapher auf das Erwachsenwerden versteht: Es wird immer schlimmer, bevor es besser wird. Trotz des abgedrehten Fantasy-Plots ist das so nah am Leben, wie ein Comic überhaupt nur sein kann.

  3. 3 graval 31. August 2010 um 17:54

    Der Zeichenstil hat sich tatsächlich leich geändert, mir scheinen die Figuren gegen Ende etwas „gummiger“. Sehr schöner Post, und hätte ich das Geld, ich hätte mir SP schon lange alle auf englisch bestellt… Aber nächste Woche ganz sicher🙂

  4. 4 DerGraf 31. August 2010 um 20:36

    Irgendwas in mir wehrt sich noch, wieder Geld in Comics zu investieren. Meine Mangasammlung hat bis vor einige Jahre schon zu viele Ressourcen gefressen und ich schau sie mir heute gar nicht mehr an.
    Was ich mir heute nur für schöne Dinge von dem ganzen Geld hätte kaufen könnte. Hach😉

  5. 5 zoellner 31. August 2010 um 21:21

    Irgendwie ist da wohl etwas an mir vorrüber gegangen. Ich kenne nur Scotch Whisky.

  6. 6 christian 31. August 2010 um 23:31

    @Dos Corazones
    Ich bin ansonsten auch kein Comic-Leser, das war mehr eine kleine, sechsbändige Ausnahme😉

    @Dr. Borstel
    Klar, die Auflösung der ganzen Evil Exes-Geschichte war unausweichlich und an und für sich auch alles andere als schlecht. Trotzdem hat mir Band 6 nicht so gut wie die ersten Ableger gefallen, dafür hat mich die erste Hälfte zu sehr bedrückt und die zweite zu schnell im Stich gelassen…

    @graval
    Nein nein nein, ich habe dich irgendwo schreiben gesehen, dass du auf die deutschen Bände warten willst und dann vielleicht noch die englischen nachkaufst. Konsequenz bitte😛

    @DerGraf
    Was glaubst du, was ich mir für schöne Sachen vom Erlös meiner damals fast kompletten One Piece-Sammlung kaufen konnte😀 Nein, so etwas Umfangreiches wird auch nie wieder angefangen. Aber ein Comic, der nach dem sechsten Band abgeschlossen ist, bekommt bei mir gern noch eine Chance.

    @zoellner
    Warts ab, ich seh schon die chinesischen Raubkopien des Films mit genau diesem Titel vor mir:mrgreen:

    • 7 graval 1. September 2010 um 00:18

      So genau hab ich das nie gesagt. Ich habe nur gesagt, dass ich am Ende alle 6 Bände in zwei Sprachen haben will. Und da die kanadischen Ausgaben früher komische und nicht einheitliche Rücken hatten, wollte ich noch etwas zuwarten. So wars. Hmpf.😀

  7. 10 Damian 1. September 2010 um 08:18

    Das mit dem Zeichnungsstil ist mir auch aufgefallen. Ich habe das irgendwie als Steigerung seiner Skills oder als Routine interpretiert. Denn wenn man ein WebComicBlog von Anfang an verfolgt oder einfach die ersten im Archiv mit den aktuellsten vergleicht, steigert sich der Zeichner auch sehr stark. Bestes Beispiel ist dafür Jojo (http://blog.beetlebum.de).

    Aber @Graval: Dass ausgerechnet DU sie nicht auf Englisch liest, verwundert mich. Da gehen ja jegliche Wortwitze flöten.

  8. 12 spanksen 1. September 2010 um 08:22

    Ich gebe ehrlich zu der ganze Hype um Scott Pilgrim an mir vorbeigegangen ist. Mal schauen ob ich in der Buchhandlung meines Vertrauens mal so ein Comic in die Hände bekomme

  9. 13 zoellner 1. September 2010 um 13:43

    Wenn er erst mal diesen Titel trägt werde ich ihn mir vielleicht auch ansehen!😀

  10. 14 christian 2. September 2010 um 02:16

    @Damian
    Ist es nun positiv oder negativ, wenn ein Künstler seinen Stil über einen längeren Zeitraum verändert, weiterentwickelt? Bei Scott und deinem Webcomicblog da auf jeden Fall Ersteres🙂

    @spanksen
    Es lohnt sich, aber ich rate zur englischen Ausgabe. Kann auch bei Amazon Probe gelesen werden😉

    @zoellner
    Sonst nicht? Wie schade🙂

  11. 16 Laosüü 3. September 2010 um 17:39

    Da ich es nun auch vollendet habe, lautet mein abschließendes Urteil: just awesome an pure epicness!!!😀


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